Ich bin Linus – und die Pause ist manchmal schwer
Als die Schulglocke zur Pause klingelte, zuckte ich zusammen.
Brrring!
Sofort wurden Stühle gerückt. Kinder sprangen auf, redeten durcheinander, lachten und rannten zur Tür.
„Pause!“, rief jemand.
Für viele Kinder ist die Pause etwas Schönes.
Für mich ist sie oft schwierig.
Ich blieb noch einen Moment auf meinem Stuhl sitzen und drückte meine Finger unter dem Tisch fest zusammen. Das mache ich oft, wenn es in mir unruhig wird.
Frau Neumann, meine Schulbegleiterin, kam leise zu mir.
„Wollen wir kurz warten, bis es etwas leerer ist?“, fragte sie.
Ich nickte.
Ich mag es nicht, wenn alle gleichzeitig aus dem Klassenraum drängen. Dann ist alles zu eng, zu laut und zu schnell. Jemand streift mich, jemand rempelt mich aus Versehen an, und in meinem Kopf fühlt sich alles sofort voll an.
Also warteten wir einen Moment.
Ein Kind lief noch einmal zurück und holte seine Trinkflasche.
Dann wurde es ruhiger.
„Jetzt?“, fragte Frau Neumann.
„Jetzt“, sagte ich leise.
Gemeinsam gingen wir hinaus auf den Schulhof.
Draußen war es hell, aber überall war Bewegung. Kinder rannten herum, lachten, riefen, spielten Fußball oder Fangen. Zwei Kinder schaukelten ganz hoch. Überall passierte etwas gleichzeitig.
Ich blieb erst einmal an der Wand stehen und schaute mich um.
„Wo ist ein guter Platz für dich?“, fragte Frau Neumann.
Ich sah zum Klettergerüst. Zu viele Kinder.
Zum Fußballfeld. Viel zu laut.
Zu den Bänken. Dort saßen schon einige Kinder und redeten durcheinander.
Dann entdeckte ich eine Ecke beim Beet. Dort war es ruhiger.
Ich zeigte hin. „Da.“
„Gute Wahl“, sagte Frau Neumann.
Wir gingen zusammen dorthin.
Von dort aus konnte ich alles sehen, ohne mitten drin zu sein. Das mochte ich. Dann fühlte ich mich sicherer.
Ich holte meinen Mutstein aus der Tasche und strich mit dem Daumen darüber.
Da kam Mia zu mir. Sie ist in meiner Klasse. Sie hat braune Locken und meistens ein freundliches Gesicht.
„Hallo, Linus!“, rief sie.
Ich zuckte leicht zusammen, weil ihre Stimme so plötzlich nah war.
Mia merkte es sofort. „Oh. War das zu laut?“
Ich nickte.
„Sorry“, sagte sie leiser. „Ich wollte nur fragen, ob du mit Kreide malen willst. Ich habe eine blaue und eine gelbe.“
Ich schaute auf die Kreide in ihrer Hand. Malen war besser als Fangen. Besser als Fußball. Beim Malen wusste ich, was ich machen konnte.
„Ja“, sagte ich.
Mia lächelte. „Komm.“
Ich blickte kurz zu Frau Neumann.
Sie nickte. „Ich bin in der Nähe.“
Also ging ich mit Mia zu einem trockenen Platz am Rand des Schulhofs.
Mia malte einen großen Kreis. „Das wird eine Sonne“, sagte sie.
Ich setzte mich ein kleines Stück daneben und nahm die blaue Kreide. Erst wusste ich nicht, was ich malen sollte. Dann begann ich mit kleinen Linien. Ich malte ein Haus. Dann Fenster. Dann einen Baum und einen Weg. Alles ordentlich. Genau so, wie ich es mochte.
„Das sieht schön aus“, sagte Mia.
Ich sagte nichts.
Aber in mir fühlte es sich kurz warm an.
Dann kamen drei andere Kinder angelaufen.
„Was macht ihr?“, fragte Ben.
„Wir malen“, sagte Mia.
Ben trat einen Schritt nach vorne — und plötzlich stand er mitten auf meinem Bild. Seine Schuhsohle verwischte den Weg, den ich gerade gemalt hatte.
Ich erschrak.
„Nicht!“, rief ich.
Ben trat sofort zurück. „War doch keine Absicht!“
Aber in meinem Kopf war plötzlich schon alles durcheinander.
Ich sah nur noch die verschmierte Kreide.
Den kaputten Weg.
Die Schuhspuren mitten in meinem Bild.
Mein Herz schlug ganz schnell.
Ein Ball knallte irgendwo gegen den Zaun.
Jemand rief laut über den Schulhof.
Alles wurde auf einmal zu viel.
Ich merkte: Jetzt ist es rot.
Ich stand auf, ging ein Stück zurück und hielt mir die Ohren zu.
„Ich hab gesagt, nicht!“
Ben sah erschrocken aus. „Warum schreit der denn so?“
Ich wollte gar nicht schreien.
Aber manchmal passiert es einfach, wenn alles zu viel wird.
Da kam Frau Neumann schon zu mir.
Sie sprach ruhig. Nicht laut. Nicht hektisch.
„Linus, ich bin da.“
Ich atmete schnell. Meine Augen brannten schon, obwohl ich gar nicht weinen wollte.
„Das Bild ist kaputt“, sagte ich.
Frau Neumann nickte. „Ja. Das war blöd.“
Als sie das sagte, fühlte ich mich ein kleines bisschen verstanden.
Nicht, weil dann alles sofort gut war.
Sondern weil sie gesehen hat, dass es für mich wirklich schlimm war.
„Komm einen Schritt mit mir raus“, sagte sie.
Ich ging mit ihr zurück zu der ruhigeren Ecke beim Beet.
„Schau mal auf den Boden“, sagte sie.
Ich schaute nach unten. Da lagen kleine Steine, ein Blatt und dunkle Flecken vom Regen.
„Nenn mir drei Dinge, die du siehst“, sagte sie.
Ich schluckte.
„Ein Blatt.“
„Eine Pfütze.“
„Einen Stein.“
„Gut“, sagte sie. „Und zwei Dinge, die du hörst.“
Ich lauschte.
„Den Wind.“
„Kinder.“
„Und eine Sache, die du fühlen kannst.“
Ich drückte meinen Mutstein in der Hand. „Den Stein.“
Mein Atem wurde langsam ruhiger.
Nicht sofort.
Aber Schritt für Schritt.
Dann kam Mia zu uns. Ganz vorsichtig.
„Linus?“, fragte sie leise. „Soll ich dir was sagen?“
Ich sah kurz auf.
„Ben wollte dein Bild nicht kaputt machen. Er hat einfach nicht aufgepasst.“
Ich sagte nichts.
Mia kniete sich ein Stück entfernt hin. „Ich fand dein Haus schön.“
Dann kam auch Ben langsam näher.
„Tut mir leid“, sagte er leise. „Ich hab das wirklich nicht extra gemacht.“
Ich schaute auf seine Schuhe.
Ich war noch nicht ganz ruhig. Aber nicht mehr so wie vorher. Nicht mehr rot. Eher gelb.
„Ich mag das nicht, wenn Sachen kaputtgehen“, sagte ich schließlich.
Ben nickte. „Verstehe ich.“
Frau Neumann lächelte leicht. Ich glaube, sie war ein bisschen stolz auf mich, weil ich gesagt habe, was los war.
Mia hob die blaue Kreide vom Boden auf. „Wir können ein neues Bild malen. Vielleicht sogar ein noch größeres.“
Ich überlegte.
Ein Teil von mir wollte nein sagen.
Einfach stehen bleiben.
Nichts mehr machen.
Aber ein anderer Teil in mir dachte: Vielleicht geht es doch.
„Nur am Rand“, sagte ich.
„Am Rand ist gut“, sagte Mia.
Also gingen wir zurück. Diesmal an einen Platz, an dem weniger Kinder vorbeigingen.
Ben blieb kurz stehen. „Darf ich auch mitmachen?“
Ich schaute ihn an. Dann auf die Kreide. Dann auf den freien Boden.
„Aber nicht drauftreten“, sagte ich.
„Mach ich nicht“, sagte er sofort.
Diesmal malten wir zusammen.
Mia malte Wolken.
Ben malte einen Hund, der ein bisschen komisch aussah.
Und ich malte wieder ein Haus — diesmal mit Garten, Zaun und einem Baum voller Äpfel.
„Der Baum ist cool“, sagte Ben.
Ich sagte nichts, aber ich malte noch einen zweiten Baum daneben.
Als die Pausenglocke klingelte, zuckte ich wieder zusammen.
Brrring!
Aber diesmal war da noch etwas anderes in mir.
Nicht nur Anspannung.
Auch ein kleines bisschen Stolz.
Ich hatte gemerkt, wann es zu viel wurde.
Ich hatte Hilfe angenommen.
Ich hatte gesagt, was mich stört.
Und ich war zurückgekommen.
Nicht, weil es leicht war.
Sondern weil jemand mich verstanden hat.
Und weil ich selbst langsam besser verstehe, was ich brauche.
Auf dem Rückweg zur Klasse lief Mia neben mir.
„Morgen male ich vielleicht wieder in der Pause“, sagte sie.
Ich nickte.
„Vielleicht ich auch“, sagte ich.
Mia lächelte. „Dann bringe ich mehr Kreide mit.“
Im Klassenraum setzte ich mich auf meinen Platz. Ich spürte den Mutstein in meiner Tasche und strich kurz darüber.
Manchmal ist die Pause für mich nicht erholsam.
Manchmal ist sie laut, voll und schwer.
Aber manchmal hilft es, wenn jemand ruhig bleibt.
Wenn jemand zuhört.
Wenn ich nicht ausgelacht werde.
Wenn ich sagen darf, was ich brauche.
Und manchmal kann aus einem kaputten Bild doch noch etwas Neues entstehen.