Alle Fernkurse für je 169 € Angebot endet in 00:00:00 *Ausgenommen Kinderschutzfachkraft
PISA-Lerntrainer Menü
Home Fernkurse Zertifizierungen Träger Linus Blog Shop Mein Konto
Sie sind hier: Startseite » Bildungsblog

Linus und der laute Morgen

Ich sitze am Küchentisch und halte meine Tasse mit Kakao ganz fest in beiden Händen.

Draußen fahren Autos vorbei.
In der Küche klappern Teller.
Der Toaster springt plötzlich hoch.

Klick!

Ich zucke zusammen.

„Alles gut, Schatz?“, fragt Mama und stellt mir mein Brot auf den Teller.

Ich nicke.
Aber eigentlich ist es nicht gut.

Es ist schon wieder so ein Morgen.

Der Kühlschrank brummt.
Der Wasserkocher zischt.
Meine kleine Schwester singt laut ein Lied.
Papa ruft aus dem Flur: „Hat jemand meine Jacke gesehen?“

Für andere ist das vielleicht ein ganz normaler Morgen.

Für mich fühlt es sich an, als würden hundert Radios gleichzeitig in meinem Kopf spielen.

Ich drücke meine Hände auf die Ohren.

„Ich will das nicht!“, sage ich plötzlich viel lauter, als ich eigentlich wollte.

Auf einmal wird es still.

Mama setzt sich neben mich. „Ist es dir zu viel?“

Ich schaue auf den Tisch.
Ich weiß nicht genau, wie ich es erklären soll.

Ich will nicht unfreundlich sein.
Ich will auch nicht meckern.
Aber die Geräusche sind so laut, dass mein Bauch schon ganz fest geworden ist.

„Es ist alles so … so doll“, flüstere ich.

Mama nickt langsam. Sie kennt das schon.

„Okay“, sagt sie ruhig. „Dann machen wir den Morgen wieder kleiner.“

Den Morgen kleiner machen.

Das klingt gut.

Mama steht auf und schaltet den Wasserkocher aus.
Papa spricht im Flur plötzlich leiser.
Meine kleine Schwester bekommt eine Aufgabe und hört auf zu singen.

Mama legt mir meine weichen Kopfhörer neben den Teller.

„Möchtest du sie aufsetzen?“

Ich nicke.

Als ich die Kopfhörer aufsetze, ist die Welt nicht ganz leise. Aber sie wird weicher. Weiter weg. Nicht mehr ganz so spitz.

Mama zeigt auf den kleinen Zettel am Kühlschrank.
Darauf sind Bilder:

aufstehen
anziehen
frühstücken
Zähne putzen
Schuhe anziehen
losgehen

„Nur ein Schritt nach dem anderen“, sagt sie.

Ich atme tief ein.
Dann noch einmal.

„Was kommt jetzt?“, fragt Mama.

Ich schaue auf den Zettel. „Frühstücken.“

„Genau.“

Ich beiße vorsichtig in mein Brot.
Das Kauen hilft.
Der Kakao ist warm. Das mag ich.

Nach einer Weile wird mein Bauch ein bisschen lockerer.

Doch dann fährt draußen die Müllabfuhr vorbei.

RUMMS. KLAPPER. SCHEPPER.

Ich halte sofort inne. Meine Augen werden groß. Meine Hände greifen wieder fest an die Tasse.

Mama bleibt ruhig.

„Nur die Müllabfuhr“, sagt sie leise. „Sie fährt gleich weiter.“

Ich lausche.

Tatsächlich.
Das Scheppern wird leiser.
Dann ist es weg.

„Vorbei“, sagt Mama.

Ich atme aus, als hätte ich die Luft die ganze Zeit festgehalten.

Nach dem Frühstück gehe ich ins Bad.
Dort ist das Licht heute besonders hell. Es piekst fast in meinen Augen. Ich kneife sie zusammen.

Mama merkt es sofort und macht nur die kleine Lampe am Spiegel an.

„Besser?“

„Ja“, sage ich.

Beim Zähneputzen denke ich an etwas, das Frau Neumann mir gezeigt hat.
Wenn alles zu viel wird, soll ich mir in Gedanken eine Ampel vorstellen.

Grün bedeutet: Es ist okay.
Gelb bedeutet: Es wird gerade zu viel.
Rot bedeutet: Stopp. Ich brauche Hilfe.

Ich stelle mir meine Ampel vor.

Gerade ist sie gelb.
Nicht rot.
Das ist wichtig.

Dann kann ich noch etwas tun, bevor alles kippt.

Als ich fertig bin, gehe ich zurück in den Flur.
Mama hält schon meine Jacke in der Hand.

„Möchtest du zuerst die Jacke oder zuerst die Schuhe?“, fragt sie.

Ich überlege.

Wenn ich selbst wählen darf, fühlt es sich leichter an.

„Erst Jacke.“

„Gut.“

Jacke.
Dann Schuhe.
Dann Rucksack.

Drei Dinge.
Nicht zehn.

Als ich fertig angezogen bin, bleibe ich noch einen Moment an der Tür stehen.

Draußen wartet die Straße.
Der Wind.
Vielleicht ein bellender Hund.
Vielleicht Kinder, die laut reden.
Vielleicht der Bus.

Ich merke, wie mein Herz wieder schneller klopft.

Mama kniet sich vor mich. „Wie sieht deine Ampel jetzt aus?“

Ich denke nach.
„Noch gelb.“

„Was hilft dir, damit sie nicht rot wird?“

Ich überlege wieder. „Meine Kopfhörer. Und langsam gehen.“

Mama lächelt. „Dann machen wir genau das.“

Wir gehen aus der Haustür.

Die Luft draußen ist kühl.
Ein Vogel zwitschert im Baum.
Jemand schiebt klappernd ein Fahrrad über den Bürgersteig.

Ich setze meine Kopfhörer richtig auf. Mama läuft nicht schnell. Sie zieht nicht. Sie drängelt nicht. Sie geht einfach in meinem Tempo.

An der Ecke bleibe ich kurz stehen.

Vor uns laufen schon ein paar Kinder in Richtung Schule. Zwei lachen laut. Einer rennt. Ein Auto hupt in der Ferne.

Ich spüre, wie das Gelb in mir wieder stärker wird.

Da holt Mama etwas aus ihrer Tasche.

Meinen Mutstein.

Sie legt ihn in meine Hand.

„Dein Mutstein“, sagt sie.

Ich reibe mit dem Daumen darüber.
Er ist kühl und glatt.

Den Stein habe ich einmal am See gefunden. Seitdem ist er mein Helfer. Wenn etwas zu laut, zu wild oder zu schnell wird, kann ich ihn anfassen.

„Ich schaffe das“, murmele ich.

Mama nickt. „Ja. Und wenn nicht alles sofort klappt, ist das auch okay.“

Wir gehen weiter.

Vor dem Schultor steht Frau Neumann, meine Schulbegleiterin. Sie winkt freundlich.

„Guten Morgen, Linus.“

Ich winke vorsichtig zurück.

Frau Neumann kommt ein paar Schritte näher, aber nicht zu nah. Genau so, wie ich es mag.

„Ist es heute ein lauter Morgen gewesen?“, fragt sie ruhig.

Ich nicke.

„Ampel?“, fragt sie.

„Gelb.“

„Gut gemerkt“, sagt sie. „Dann starten wir langsam. Erst Garderobe. Dann kurz ankommen. Und bevor die Klasse richtig laut wird, machen wir zwei ruhige Minuten.“

Als sie das sagt, wird etwas in mir weicher.

Sie versteht das.
Ich muss nicht alles lange erklären.

Mama streicht mir über die Schulter. „Bis nachher.“

„Bis nachher“, sage ich.

Dann gehe ich mit Frau Neumann in das Schulgebäude.

Im Flur ist es noch einigermaßen ruhig.
Ein paar Schuhe quietschen.
Irgendwo fällt eine Federtasche herunter.
Aber es ist noch auszuhalten.

An der Garderobe hänge ich meine Jacke auf. Danach darf ich mich mit Frau Neumann auf die kleine Bank am Fenster setzen. Dort ist es etwas stiller.

„Magst du eine Atemübung machen?“, fragt sie.

Ich nicke.

„Wir atmen ein, als würden wir an einer Blume riechen“, sagt sie.
„Und wir atmen aus, als würden wir eine Kerze auspusten.“

Ich mache mit.

Einatmen.
Ausatmen.

Blume.
Kerze.

Noch einmal.

Blume.
Kerze.

Nach dem dritten Mal muss ich ganz leise lächeln.

„Was ist?“, fragt Frau Neumann.

„Ich habe mir eine riesige Blume vorgestellt“, sage ich.

„Und die Kerze?“

„Auch riesig.“

Da lacht Frau Neumann leise.

Ich lache auch ein bisschen.

In diesem Moment fühlt sich meine Ampel zum ersten Mal fast grün an.

Dann kommen die anderen Kinder in die Klasse. Es wird lauter, aber ich weiß jetzt besser, was ich brauche.

Ich setze mich auf meinen Platz.
Ich lege den Mutstein in meine Federtasche.
Ich streiche noch einmal über meine Kopfhörer.

Ich bin da.

Der Morgen war schwer.

Aber ich habe ihn geschafft.

Später ruft Frau Berger, meine Lehrerin, meinen Namen auf.

Dann sagt sie:
„Schön, dass du da bist, Linus.“

Ich schaue kurz auf und nicke.

Und diesmal fühlt sich dieser Satz nicht nur wie ein gewöhnlicher Satz an.

Sondern wie etwas Echtes.

Schön, dass du da bist.

Auch wenn der Morgen laut war.
Auch wenn mein Bauch manchmal eng wird.
Auch wenn ich Hilfe brauche.

Ich bin da.
Und das ist gut.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website um diese laufend für Sie zu verbessern. Mehr erfahren